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# Thursday, April 16, 2009

Böses (GE)TWITTER

„Guten Morgen Twitterland!“ So oder so ähnlich begrüßen sich täglich die Menschen der Twitter-Gemeinschaft, einem stetig wachsenden Social Network und Micro-Blogging-System.
Millionen von Menschen twittern derzeit mehr oder wenig spannende, aber intimste Details aus ihrem Privatleben aus. All die „Tweerhearts“, „Princes and Princesses of Twitter“ haben der Welt unendlich viele, unglaublich wichtige Dinge mitzuteilen. Wann sie morgens aufstehen, wer gemeinsam mit ihnen im Bett noch von der letzten Nacht wach wird, welche Kaffeesorte sie bevorzugen, welche Kleidung sie heute tragen, warum sie den Nachbar nicht mögen, wann sie ihren Rasen mähen, wie sich ihr Haustier gerade verselbständigt, was sie an ihrem Job hassen, warum es für den gestressten Hartz IV-Empfänger so schwer ist, sich zwischen den spannenden Kochshows und Richtershows in der viel zu kurzen Werbepause so gegen 14:00 Uhr seines Morgenmantels zu entledigen … Twitter - Datenschutz war gestern.

Schon seltsam in Anbetracht dessen, dass sich in Deutschland so viele Menschen Sorgen um Datenschutz und Vorratsdatenspeicherung machen und jede bekannt werdende Datenspeicherung zu weiteren Diskussionen über den „gläsernen Menschen“ führt. Ein Datenschutz-Skandal jagt den nächsten. Vollkommen legitim scheint es hingegen zu sein, ganz private Details aus dem täglichen Leben öffentlich zu posten und dabei scheinbar zu vergessen, dass die ganze Welt mitlesen kann. Wie sinnvoll kann es im Umgang mit den neuen Medien sein, jedem der es gerade gern lesen möchte, tiefe Einblicke in sein Leben zu gewähren?

Diese Frage beantwortet das Beispiel eines Arbeitnehmers aus den USA eindrucksvoll.
Der Twitter-Nutzer sprach ganz offen und frei von der Leber weg über seine Gedanken zu einem Jobangebot bei der Firma Cisco: „Cisco hat mir gerade einen Job angeboten! Jetzt muss ich den Nutzen eines dicken Gehaltsschecks dagegen abwägen, dass ich täglich nach San Jose pendeln und die Arbeit hassen werde".

Ganz zufällig, weil ja zufällig ganz öffentlich zu lesen, las ein Cisco-Mitarbeiter genau jene Nachricht und twitterte ohne Umwege zurück: "Wer immer der zuständige Mitarbeiter in der Personalabteilung ist. Bestimmt interessiert er sich sehr dafür, dass du die Arbeit hassen wirst. Wir hier bei Cisco kennen uns mit dem Internet aus". Ob Cisco den Mitarbeiter eingestellt hat, ist nicht bekannt. Der Twitter-Nutzer hat allerdings aus seinem all zu öffentlichen Geplauder gelernt und seinen Twitter-Feed nicht mehr für die breite Masse frei zugänglich.

Twitter -  Für und Wider beim Einsatz in Unternehmen

Dennoch haben sowohl Unternehmen, als auch Prominente Twitter für clevere Guerilla Marketingaktionen entdeckt. Unternehmen nutzen Twitter für überraschende Guerilla Kampagnen. Online Relations zu Kunden und Interessenten können mit niedrigem Aufwand ausgebaut und direkte Kontakte pflegen werden. Über Twitter stehen RSS Feeds und SMS Alerts zur Verfügung, die bequem als Newschannel oder Newsletter für Kunden verwendet werden können. Nicht nur extern, sondern auch unternehmensintern kann Twitter durchaus sinnvoll für eine gemäßigte Kommunikation z. B. bei einer offenen Frage an einen Kollegen eingesetzt werden.

Leider sieht die Realität oft anders aus und aus kurzen sinnvollen Fragen an den Kollegen wird schnell stundenlanges Getwittere. Das Schreiben und Lesen von Beiträgen auf Twitter kostet Zeit und verhindert ganz nebenbei die Konzentration auf die eigentliche Arbeit. Bekennende „Twitterjunkies“ bestätigen sogar ein gewisses Suchtverhalten, immer wieder neue Beiträge zu schreiben, auf die sie möglichst viel positives Feedback erhalten (müssen). Ganz zu schweigen von der immer weiter schwindenden Privatsphäre. Denn wer regelmäßig twittert, verrät nach und nach immer mehr Details über sein Privatleben. Wobei vermutlich Details aus dem Privatleben von geschätzen 98,7 % der Twitter-Nutzer nur ähnlich spannend sind wie der berüchtigte Sack Reis, der gerade in China umfällt.

Twitter - Promis im Twitterwahn

Aber selbst Promis sind dem Twitter-Hyp verfallen. Nutzen manche Prominente wie Amerikas neuer Präsident Barack Obama Twitter als gezielte Wahlkampfplattform, verfallen andere Promis wie der Schauspieler Ashton Kutcher nahezu in einen Twitterwahn. Kutcher postete jüngst neben den Problemen, die er gerade mit seinem Nachbarn hat, sogar ein Foto vom Hintern seiner berühmten Frau Demi Moore und begeistert somit unzählige Fans. Was diese privaten Enthüllungen allerdings wirklich für sein Privatleben bedeuten, ist nicht bekannt. Der Nachbar dürfte über die öffentliche Bekanntgabe jedenfalls nicht gerade begeistert gewesen sein. Dummerweise ist Twitter leider kein rechtsfreier Raum ... mal schauen, wann da die ersten fetten Schadenersatzklagen kommen ...

Gut vorstellen könnte man sich aber, dass es einige Promis aus dem Promibodensatz (sogn. C-Promis oder gar D-Promis) schaffen, sich aufgrund pikanter privater Details auf den Promi-Level B- hochzutwittern.

Twitter - Google neuester Coup?

Twitter scheint auch in Bezug auf ausgefallene Marketingstrategien und Datensammlung für Google äußerst interessant zu sein. Seit Wochen brodelt die Gerüchteküche über eine mögliche Übernahme von Twitter durch Google. Erst im März dieses Jahres hatte Google-CEO Eric Schmidt zur Morgan Stanley zur Technologiekonferenz zwar verlauten lassen, Twitter sei die „E-Mail des armen Mannes", räumte aber anschließend ein: "Twitters Erfolg ist großartig. Ich glaube, er zeigt, dass es viele, viele Wege gibt, um andere zu erreichen, zu kommunizieren. Vor allem, wenn man bereit ist, dies öffentlich zu tun." Aus technischer Sicht betrachtet, findet Schmidt jedoch klare Worte: "Als Computer-Wissenschaftler sehe ich diese Dienste als E-Mail des armen Mannes an".

Twitter ist aber dennoch nicht uninteressant für Google, würde Google doch seinen gigantischen Datenbestand deutlich ausbauen und mit Daten über das Echtzeitverhalten von Usern erheblich ergänzen können. Zumindest spricht dafür auch die Summe die in der Gerüchteküche für die Übernahme im Gespräch ist, stolze 250 Mio Dollar. Twitter hat die Gerüchte einer Übernahme bereits in der FAZ durch den Mitbegründer Biz Stone dementieren lassen: „Unser Ziel ist ein starkes, unabhängiges Unternehmen um das Twitter-Konzept herum zu bauen”. Google hat offiziell die Übernahmeabsichten ebenfalls dementiert.

Bleibt abzuwarten, ob sich die Gerüchte bewahrheiten. Nicht ganz unerheblich dürfte auch das Übernahmeangebot von Google sein, was derzeit noch deutlich unter dem gewünschten Twitter Preis liegen dürfte. Insider Informationen zu Folge, soll Twitter ein Angebot von Facebook in Höhe von 500 Millionen Dollar bereits ausgeschlagen haben.

Sandy Schindler - Michael Gandke

Thursday, April 16, 2009 10:18:47 AM (GMT Daylight Time, UTC+01:00) : #    Comments [5]
Thursday, April 16, 2009 11:45:39 AM (GMT Daylight Time, UTC+01:00)
Hype hin, Twitter her: Es besteht doch ein gewaltiger Unterschied zwischen persönlichen Informationen, die jeder Mensch freiwillig preisgibt und solchen, die ohne sein Zutun und im schlimmsten Fall ohne seine Zustimmung erhoben werden. Wer Twitter mit der Vorratsdatenspeicherung vergleicht, vergleicht Äpfel mit Birnen. Verliert jemand seinen Job, weil er auf Twitter eine dumme Bemerkung gemacht hat, ist er selber schuld - mit Datenschutz hat das wenig zu tun. Verliert er jedoch diesen Job, weil er irgendwo in einer (staatlichen) Datenbank unter "negativen Vorzeichen" verzeichnet ist und der Arbeitgeber unberechtigterweise darauf Zugriff hatte, dann hat das sehr wohl mit Datenschutz zu tun.
Saturday, April 18, 2009 8:31:04 AM (GMT Daylight Time, UTC+01:00)
Sie kennen aber schon den Unterschied zwischen "ich gebe jemandem Daten und der macht damit plötzlich was" und "ich entscheide mich aus freien Stücken meine Daten mit anderen zweckbestimmt zu teilen", oder?

Sie können ja mal probehalber die Tweets einer zufällig ausgewählten Person eine Woche lang analysieren. Und danach berichten, was sie über diese zB an marktrelevanten Daten erfahren haben.
Monday, April 20, 2009 7:25:39 AM (GMT Daylight Time, UTC+01:00)
Ach ja, ein Artikel, der mir so etwas von aus der Seele spricht. Ähnliches wollte ich selbst einmal formulieren aber gelegentlich stolpere ich über meinen eigenen, unverständlichen Satzbau.
Interessant der letzte Teil, der uns - mal wieder - vor Augen führt, welch' allmächtige Daten- und Wissensmonopolstellung Google schon heute einnimmt. Und analog des - im Artikel genannten - Begehrens der Menschen, keinen gläsernden Webuser und damit Kunden abgeben zu wollen aber letztendlich doch so zu handeln, ist die Zahl derer, die Googles Streben nach dem "Aufstieg" zu einer höheren Net-Entität, Einhalt gebieten wollen, eher eine vernachlässigbare Querulanten-Horde.
Waren zu meiner Zeit immer Behörden und Ämter der potentielle "Daten-Mißbrauchsfeind", so scheinen es in letzter Zeit große Unternehmen zu werden - unabhängig davon, ob Daten mißbräuchlich oder legal gesammelt werden. Oder wie im Falle T-Com, vernichtet.
Monday, April 20, 2009 1:35:55 PM (GMT Daylight Time, UTC+01:00)
Datenschutz hin odr her: Die Personen die Zeit haben, mehrfach täglich Belanglosigkeiten aus dem eigenen Leben zu twittern, scheinen ja sonst keine sinnvolle Beschäftigung oder gar arbeit zu haben. Der angesprochene Morgenmantelwechsel um 14:00 bringt das ja recht gut auf den Punkt.
Tuesday, May 26, 2009 5:21:27 PM (GMT Daylight Time, UTC+01:00)
"Online Relations zu Kunden und Interessenten können mit niedrigem Aufwand ausgebaut und direkte Kontakte pflegen werden."

Damit bin ich nicht so ganz einverstanden. Wirkliche Kundenbeziehungen via Twitter können gemäss meinen Erfahrungen nicht "einfach so" mit wenig Aufwand eingerichtet werden. Klar, einen Twitter-Account ist schnell erstellt. "Relations" ist aber dann ganz was anderes.

Vielleicht unterscheidet sich das je nach Branche. Je nach Land auf jeden Fall.
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